Update Auswandern: 2 Jahre New York

Kathrin New York Schreib einen Kommentar

Ich erinnere mich noch so gut daran wie schlecht mir vor Aufregung wurde, als wir nach langem Warten endlich die Zusage für unser Visum erhielten. Wie ich innerhalb weniger Wochen unseren kompletten Hausrat verschenkt, verkauft und entsorgt habe. An das wunderschöne Wetter im Mai 2017 und die Abschluss-Garten-Party, bei der eine Schar nackter Kinder ausgelassen unter dem Gartenschlauch tanzte und kreischte.

Ich erinnere mich wie ich die letzten Tage mit unseren Freunden genoss und wie ich zeitgleich immer wieder die Tränchen wegdrückte. An meine Vorfreude und unbändige Abenteuerlust. Aber auch an den Alarm in meinem Bauch – die Ängste und die Ungewissheit, die mein Herz oft schneller schlagen ließen.

Ich erinnere mich an die acht Kisten, die wir mit sorgfältig ausgewähltem Inhalt nach Amerika schickten. Das seltsame Gefühl ganz von Null in einem fremden Land anzufangen. So gut wie nichts mehr zu besitzen.

Ich erinnere mich an die vielen, helfenden Hände, die am Tag unserer Auswanderung die letzten Spuren in unserer Wohnung verwischten. Daran, dass ich wie ein kleines Baby weinen wollte auf dem Weg zum Flughafen und wie ich mich zusammengerissen habe wegen der Kinder. Wie ich stark und tapfer sein wollte für sie.

Ich erinnere mich an die vier Koffer mit unserem wichtigsten Hab und Gut und wie wir sie mit klopfendem Herzen eingecheckt haben. An unsere One-Way-Tickets. Die letzten Umarmungen am Flugplatz. Und wie ich mich auf meinen Platz im Flieger setzte – ohne zu wissen was auf mich zukommt.

All das ist jetzt über 2 Jahre her!

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Im Flieger nach New York: Ich verheult, Thomas macht Quatsch und die Nestlinge haben keine Ahnung, was auf sie zukommt…

Und heute? Was hat sich für uns verändert?

Das lässt sich kaum in Worte fassen. Hauptsächlich unser Erfahrungsschatz und damit auch unsere Einstellung. Grundlegend.

Am Anfang haben wir uns beispielsweise über diverse Eigenarten und Gepflogenheiten gewundert, manchmal sogar lustig gemacht. Zum Beispiel darüber wie hier die Stromkabel verlegt werden, dass bei Straßenbaustellen immer mindestens ein Polizeibeamter im Einsatzwagen aufpasst oder wir bei nahezu jeder Aktivität einen langen „Waiver“ (eine Haftungsverzichtserklärung) ausfüllen müssen. Wir haben uns oft unberechtigterweise überlegen gefühlt, weil wir Deutsche sind und hatten lange das Gefühl, dass in Deutschland alles besser sei…

Gewisse Dinge sind auch echt schräg-kompliziert, zum Beispiel, dass ich nicht einfach zu irgendeinem Zahnarzt gehen kann, sondern erst schauen muss, ob er mit meiner Krankenversicherung zusammenarbeitet und diese dann darum bitten muss, dem Arzt meiner Wahl einen Berechtigungsschein zuzufaxen, bevor ich einen Termin vereinbaren kann. Oder dass wir hier Rechnungen nicht einfach per Banküberweisung begleichen können, sondern Schecks ausstellen müssen. Aus unserer Perspektive ziemlich mittelalterlich. Aber mittlerweile nehme ich solche Sachen einfach hin. Meist sogar mit viel Humor, denn ich kann es ja eh nicht ändern.

Du kannst niemanden ändern, außer dich selbst!

Das bringt mich direkt wieder zu meinem Haupt- und mittlerweile auch Lieblingsthema seit unserer Auswanderung. Ich neigte dazu, alles, was nicht meinen Vorstellungen und Gewohnheiten entsprach, zu bewerten und zu verurteilen. Schon in Deutschland, aber natürlich auch hier in New York. Das war einfach, bereitete mir große Freude, lenkte von meinen Makeln ab und ließ mich herrlich – so viel besser als andere – fühlen. Bewusst war mir meine Tendenz dazu übrigens lange Zeit nicht…

Ich hab auch früher auf meinen Reisen schon öfter den „Fehler“ gemacht, alles mit Deutschland zu vergleichen. Mir das in fremden Orten zu wünschen, was ich gewohnt war und gerne mochte. Was mir Sicherheit und ein Gefühl von Zugehörigkeit vermittelte. So nach dem Motto: „Ich mach‘ mir die Welt widdewidde wie sie mir gefällt!“ Doch das führte mich mehrfach in eine absolute Sackgasse, denn ich kann nichts und niemanden nach meinem Geschmack verändern. Das einzige worauf ich großen Einfluss habe (sehr großen wie ich merkte), bin ich: Mein Denken, mein Verhalten, meine Einstellung.

„Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen!“ Aristoteles

Dementsprechend haben Thomas und ich angefangen, uns mit den für uns unangenehmen Gegebenheiten auseinanderzusetzen. Zu schauen, was uns stört und was genau da eigentlich unser Problem ist. Statt mit dem Finger auf andere zu zeigen – ihre Andersartigkeit, „Fehler“ und Ängste – unsere eigenen Schatten zu beleuchten. Denn die Art, wie wir auf fremde Menschen reagieren, hat sehr viel mit unserem eigenen Selbstbild und der Verwurzelung unserer eigenen Werte zu tun.

Verständnis und Mitgefühl

Ich mache mich schon lange nicht mehr lustig. Im Grunde tun mir viele Menschen hier sehr leid. New York befindet sich unter den zehn teuersten Städten der Welt und dementsprechend rackern sich die meisten Leute hier den Po ab. SUCCESS wird groß geschrieben, auch schon bei den Kleinsten. Wenn ich die ausgebrannten Erwachsenen mit ihren Angststörungen in unserem Umfeld sehe, würde ich sie am liebsten einmal fest in den Arm nehmen…

Es gibt noch vieles mehr, was mir in der Seele wehtut. Beispielsweise, dass bereits sehr junge Babys (wenige Wochen alt) den ganzen Tag fremdbetreut werden. Die gewaltige Kluft zwischen Weiß und Schwarz. Oder körperliche Verstümmelungen (extreme Schönheitseingriffe). Das krasseste Erlebnis dazu bescherte mir eine Bekannte, die eines Tages mit „Bügeleisen-Abdrücken“ im Gesicht in meiner Tür stand. Wie verbrannt! Ich fragte, was da passiert sei und dachte ernsthaft an einen Bügel-Unfall. Sie lachte nur und sagte, dass sie es gerne mal übertreibt mit ihren Gesichtsbehandlungen! All das berührt mein Herz sehr.

Wie kann ich hier leben, ohne selbst verrückt zu werden?

Wie gesagt, am Anfang haben wir viel gekichert, den Kopf geschüttelt, geflucht und sogar geweint, weil wir uns in vielen Situationen so fremd und unverstanden vorkamen. Wie Aliens.

Aber ähnlich fühlte ich mich damals bei meiner Ausbildung zur Kunstglaserin in Bitburg auch, wo alle „Eifeler Platt“ sprachen und sich über mich lustig machten, weil ich es nicht verstand.

Das einzige, was wir in solchen Situationen machen können, ist offen und neugierig für Neues zu sein, die Bereitschaft zum Lernen/ Umdenken zu zeigen und vor allem uns selbst  treu zu bleiben – mehr auf das Herz und weniger auf die anderen zu hören. Ach, und natürlich nicht vergessen, die Mundwinkel regelmäßig nach oben zu schieben! Denn wie heißt es so schön: „Die Menschen, die das Leben nicht so Ernst nehmen, haben bessere Chancen glücklich zu sein!“ (unbekannt)

Noch ein gezielter Blick auf uns vier…

…weil ihr mir bei Instagram ein paar konkrete Fragen gestellt habt, die ich hier gerne beantworten möchte!

Thomas

Nach einer langen Durstrecke und meinem letzten Update (20 Monate in New York) hat sich für Thomas beruflich sehr viel zum Positiven verändert. Er darf nun wieder wie vor unserer Auswanderung und seiner Persönlichkeit entsprechend frei und kreativ an Projekten seiner Wahl tüffteln, was seine Stimmung entsprechend hebt. 

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Außerdem wälzt er gemeinsam mit mir, die gleichen Persönlichkeitsentwicklungsthemen (er meditiert schon seit Jahren), was über viele Stolpersteine hinweg hilft und uns als Eltern und auch als Paar immer enger zusammenschweißt.

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Das Mädchen

Sie (8 Jahre) hat mittlerweile ihren dritten Geburtstag in Amerika gefeiert, viele Freundschaften geschlossen und spricht das allerfeinste, amerikanische Englisch. Ein Schuljahresabschlusstest zeigte, dass sie von einem Muttersprachler nicht mehr zu unterscheiden sei. Zwischendurch fragte sie mich sogar, ob sie auch zu Hause englisch mit uns sprechen dürfe, weil ihr manchmal die deutschen Worte nicht mehr einfallen oder der richtige Satzbau. Aber ich bin strikt dagegen. Einerseits ist sie mit geringer, aber konstanter Mühe in der Lage, ihr Leben lang zwei Sprachen fließend zu sprechen. Zudem wissen wir nicht, ob wir nicht doch eines Tages wieder nach Deutschland zurückgehen…

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Sie scheint die Schule zu mögen und kommt gut mit, obwohl die Anforderungen ziemlich hoch sind. Hier stehen in der zweiten Klasse beispielsweise komplexe Text-Matheaufgaben auf dem Programm und schriftliches Rechnen.

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Obwohl sie sich freut, Freunde und Familie bald wiederzusehen, erkenne ich im Alltag kein Heimweh nach Deutschland bei ihr. Mal schauen, was sie nach unserem Sommerurlaub in der alten Heimat dazu sagt :)

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Der Bub

Der Bub (4,5 Jahre) war ein Glückspilz und bislang mit mir zu Hause. In Deutschland wäre er wie seine Schwester mit 3 Jahren in den Kindergarten marschiert. Doch hier scheiterte der Preschool-Versuch im Herbst 2018 (siehe Der Kindergarten in den USA).

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Für kommenden Herbst haben wir einen Platz in einem wundervollen Kindergarten ergattert. Mit Fokus auf Bewegung und Spiel, einem riesigen Außengelände, viel Auslauf und vor allem der Möglichkeit, ihn jeden Morgen bis in die Gruppe zu bringen, was der Hauptgrund für’s Scheitern im letzten Jahr war.

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Das wunderschöne und extrem große Außengelände des neuen Kindergartens lässt mein Herz höher schlagen!

Er freut sich auf den Kindergarten, vor allem darauf endlich „eigene“ Freunde kennenzulernen. Dafür, dass er hier nie eine Schule besucht hat, spricht er ebenfalls super Englisch. Besonders erstaunlich finde ich, dass er in so jungem Alter schob klar zwischen Deutsch und Englisch unterscheiden kann. Sogar Übersetzer spielt, wenn nötig. Dafür muss ich bei ihm verstärkt den Gebrauch von deutschen Vokabeln einfordern. Englisch geht ihm irgendwie leichter von den Lippen…

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Meine Wenigkeit

Bei mir bewegt sich gerade innerlich sehr viel. Ich bin zugegeben stark durcheinander. Und habe auch zum ersten Mal Probleme, das alles in verständliche Worte zu packen. Vielleicht weil ich selbst noch nicht richtig verstehe, was da gerade alles in mir passiert.

Seit dem finalen Abstillen letzten Herbst, begann jedenfalls ein verstärktes Abnabeln von den Nestlingen von meiner Seite aus. Nach all den Jahren des Stillens und Tragens – des unermüdlichen Gebens – verspüre ich nun ein großes Bedürfnis nach mehr Zeit für mich alleine. Anfang des Jahres hab ich mehrere Wochen lang viel geschlafen, wahrscheinlich die durchgestillten Nächte nachgeschlafen. Ich gönne mir zudem regelmäßige Auszeiten (Spazierengehen, Yoga). Seit März meditiere ich täglich, seit Mai zweimal täglich. Ich stehe meist gegen 5 auf, um noch ungestörte Zeit zu genießen und mich weiterzubilden. Ich lese unendlich viel (hier meine aktuellen Lieblingsbücher) und pfeife mir zudem jede Menge Podcasts und Workshops rein.

All das tut mir unfassbar gut.

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Gleichzeitig verstärkte sich mein Wunsch, wieder mehr zu arbeiten/ schreiben. Ihr habt mich gefragt, ob ich meine bzw. das Arbeiten mit meinen Kollegen vermisse, das kann ich ganz klar verneinen und ich möchte auch nicht in meinen alten Job (MA Glasrestauratorin) zurück. Vielmehr habe ich gerade eine starke Vision in welche Richtung ich am liebsten weiterarbeiten möchte. Aber ich merke, dass sich da die kleinen fiesen Stimmen in meinem Kopf noch dagegen wehren. Stimmen die mir sagen, wo ich beruflich jetzt eigentlich schon sein müsste, um erfolgreich zu sein. Die mir zudem Druck machen, doch endlich eigenes Geld zu verdienen.

Thomas ist wie immer super und sagte mir neulich, dass ich die einzige bin, die mir Stress macht. Dass er mir – nachdem ich mich so intensiv um die Kinder gekümmert habe – die Zeit gibt, die ich brauche, um mich neu zu orientieren. Worte können nicht ausdrücken wie dankbar ich ihm dafür bin und für all die Wertschätzung, die er stets meiner Arbeit als „Mutter und Hausfrau“ entgegenbringt.

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Ich habe wie gesagt eine ziemlich konkrete Idee. Nur noch keinen Plan wie ich das beruflich in die Realität umsetzen kann. Ich bin auf einer intensiven Selbstheilungsreise und habe begonnen eine große „Seelen-Baustelle“ offen und ehrlich zu benennen und zu „bearbeiten“. Eine, die wahrscheinlich viele Frauen in ähnlicher Weise betrifft. Das werde ich im September (wenn der Bub in die Kita geht) zunächst in einen Artikel packen. Und dann schauen, in welche Richtung sich der Stein bewegt, den ich damit ins Rollen bringe.

Heimweh habe ich übrigens auch kaum. Einerseits finde ich es schade, dass wir so weit von unseren Familien wohnen und die Kinder ihre Großeltern, Onkels und Tanten nicht regelmäßig sehen können. Andererseits merke ich, dass mir der Abstand gut tut. Dass es mir reicht, wenn wir ab und zu Besuch empfangen oder nach Deutschland reisen. Zumindest im Moment. 

Wie geht es weiter?

Ende Januar 2020 läuft unser Visum aus und eigentlich sollten wir bis dahin unsere Greencard in den Händen halten. Der recht aufwendige und komplexe Prozess ist nämlich seit mehreren Monaten im vollen Gange und wird von Thomas’ Firma finanziert. Allerdings besteht Trump nun darauf, dass alle Greencard-Anwärter zu einem persönlichen Interview antreten, ohne dass dafür mehr Beamte im Einsatz sind. Der ganze Ablauf kommt somit enorm ins Stocken und damit wir nicht im Winter unsere Zelte abbrechen müssen, wird zur Überbrückung zunächst das Visum nochmals verlängert. Ihr dürft gerne die Däumchen drücken!

Regenbogen

Sommerferien in Deutschland

Ich genieße nun erst mal meinen letzten Sommer als „Vollzeitmama“ mit den Nestlingen. Außerdem fliegen wir in einer Woche für fünf Wochen nach Deutschland und ich bin mega aufgeregt. Wie wird sich Deutschland nach so langer Zeit anfühlen? Was gibt es wiederzuentdecken? Was, wenn es uns in Deutschland so gut gefällt, dass wir nicht mehr nach Amerika zurückwollen, haha.

Auswandern

Ich werde wie immer berichten! 

Eure Kathrin

 

 

 

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